Auszug aus dem Buch

Quelkhorn im Wandel der Zeit

Schintz Druck, Bremen

ISBN 3-9801388-7-9

Kriegsende 1945 in Quelkhorn

 

 

          Aus Erinnerungen und Berichten

 

 

Dieter Liske

 

 

Nach einer dreiwöchigen, schreckensreichen und abenteuerlichen Flucht aus Hinterpommern, wo wir nach einem Frontdurchbruch der Russen innerhalb einer Stunde, jeder nur mit einem Koffer Habe, evakuiert wurden, kamen wir an einem Samstagabend in Sagehorn an. Durch Zufall hielt der Flüchtlingszug dort auf freier Strecke, da es für Bremen Luftalarm gab. Wir waren fünf: meine Großmutter (76), meine Mutter (46) und meine beiden jüngeren Geschwister (13 und 9). Übernachtet wurde im Wartesaal. Am nächsten Morgen ging es zu Fuß nach Wilhelmshausen, dort hatten unsere Verwandten (Klüchers) ein Wochenendhaus, unser Ziel.

 

 Ich erinnere mich noch genau, als wir in das Dorf kamen: Die Glocken läuteten, alles so friedlich und alles so heil, Blumen an den Fenstern, kein Geschützdonner, keine Flieger und keine Soldaten. Es war Sonntag der 18. März 1945.

Aber das äußere Bild täuschte, denn in jedem Haus gab es schon Einquartierung: Ausgebombte aus den Städten und Flüchtlinge, meist aus Ostpreußen .

Die nächsten Wochen verliefen verhältnismäßig friedlich: ab und an Fliegeralarm; wir sahen feindliche Flugzeuge am Himmel, doch wir fühlten uns sicher. Da in der Schule Soldaten untergebracht waren, gab es keinen Unterricht, wie schön! Aber dafür jeden Tag viele Stunden Holz sammeln in der Surheide, denn der Torfvorrat war klein. Doch die Erwachsenen zeigten bekümmerte Mienen, die Sorge um das Tägliche und die Besorgnis um das, was bevorstand: Wie wird es sein, wenn der Feind kommt? Werden wir schwäre Kämpfe erleben? Und wie wird es nach der Besetzung sein?

 

Ab Mitte April kam das Ungeheuer Krieg’’ näher. Unser Dorf belebte sich mit hin- und herziehenden, kampfverstaubten Soldaten, Quartiermachern und Ordonanzen in Fahrzeugen, mit Motorrädern, auch mit Pferd und Wagen. Da waren wir Kinder an den Straßen und sahen und erlebten, was wir noch nie gesehen hatten; die heranflutende Front. Untermalt wurden diese optischen Eindrücke teilweise von Bombenangriffe auf Bremen und dem nahen Geschützdonner aus Richtung Achim.

 

Am 22. April, es war ein Sonntag, fand der letzte Gottesdienst statt, an dem auch Soldaten teilnahmen.

 

Kriegsmäßige Vorbereitungen nun auch in den Familien; Besondere Habseligkeiten wie Urkunden, Silber, Schmuck, Stoff bis hin zu Eingemachten/Weckgläsern wurden in Kisten und Koffern verpackt und an sichergeglaubten Stellen in Haus und Hof und Garten versteckt bzw. vergraben.

 

Zum anderen wurde gehamstert, so weit dies möglich war. Die Kaufleute waren sehr großzügig in der Herausgabe von Legensmitteln und wollten damit auch wohl einer möglichen späteren Plünderung vorbeugen. Von den Mühlen versuchte man, soviel Mehl (oder Körner ) wie möglich zu ergattern.

 

Ab dem 23./ 24.April wurde es kritischer:

Im Süden verlief die deutsch-englische Front etwa auf Höhe der Bahnlinie Ottersberg-Sagehorn und östlich auf der Linie Ottersberg-Bahnhof/Zeven. Vorrang hatte aber wohl die Einnahme Bremens, die am 26. April erfolgte.

 

Die Front rückt näher:

Zwischen Fischerhude und Backsberg wurden zwei Brücken gesprengt, von Süden war der

Weg erst einmal versperrt. An der Surheide, in einem kleinen Waldstreifen zwischen dem

Karolsfeld und An der Weide, ging eine Batterie sogenannter Raketenwerfer in Stellung und

schoß ihre Raketen in Richtung Sagehorn. Als Antwort kamen einige Artilleriesalven, die in

Fischerhude einschlugen.

Die meisten Einwohner lebten jetzt in den kleinen Keller ihrer Häuser oder Erdbunkern in

Der Nähe ihrer Häuser. In unserem Gewölbekeller (nur 16qm groß) waren wir fortan mit

18 Personen, wobei wir Kinder auf den eingelagerten Kartoffeln saßen oder schliefen.

 

Aber auch oben im Dorf, in Quelkhorn, gab es Artilleriebeschuß: Die dort ~ür die Flugabwehr

von Bremen stationierten Batterien vom Kaliber 8,8 schossen ebenfalls Richtung Ottersberg-

Bassen, so daß die Engländer das Feuer erwiderten. Viele Granaten schlugen im Dorf ein. Vor

allem der Simsothsberg mit der Mühle war besonders betroffen. Frontgebiet, wie lange noch?

Der 26. und 27. April waren verhältnismäßig ruhig. Es schlugen noch vereinzelt Granaten im

Dorf ein, aber wir hatten ja schon Schlimmeres erlebt.

Die Raketenwerferbatterie am Karolsfeld war abgezogen. Wir Jungen inspizierten natürlich

gleich die leeren Stellungen und entdeckten einen Schatz: Die Kanoniere hatten sich als

Schutz Splittergräben gebaut, die mit 1 m langen Eichenbaumstämmen abgedeckt waren. Das

war Heizmaterial! Also, jeweils ein Stammende auf die Schulter und übers Feld nach Hause.

Bis... ja, bis plötzlich ein englischer Tiefflieger kam und eine Salve auf mich abschoß. Hinge-

worfen in den Ackersand...nur gut, daß es ein schlechter Schütze war. Der Pilot war so niedrig

geflogen, daß ich ihn deutlich in der Kanzel erkennen konnte. Wegen dieser Triefflieger waren

die Menschen tagsüber in großer Gefahr, denn durch ihr schnelles Auftauchen konnte man

sich selten in Sicherheit bringen, und sie schossen auf alles, was sich bewegte.

Am 28. April verstärkte sich der gegenseitige Artilleriebeschuss. In Quelkhorn schoß die Flak-

batterie in Richtung Bassen, und die Engländer erwiderten. Dabei wurde die Kramersche

Dampf-Motor-Mühle durch einige Volltreffer schwer getroffen. Alleine im nahen Umkreis der

Mühle auf dem Berg schlugen etwa 30 Granaten ein, aber größtenteils ins Feld. Das Feuer in

Bartels Scheune, die in Brand geraten war, konnte durch Helfer der Feuerwehr gelöscht wer-

den - sie wurde allerdings kurze Zeit später durch Volltreffer gänzlich vernichtet.

Vormittags gab es eine große Detonation in dem von Granaten fast verschonten Wilhelms-

hausen: Die Brücke über den Nordarm der Wümme wurde gesprengt.

Oben im Ort, hinter der Straßenbiegung in Richtung Buchholz, lag im Feld eine Funk- und

Scheinwerferstellung. Sie war überwiegend mit Arbeitsmaiden besetzt, die hier ihren Kriegs-

dienst ableisteten. Bis zum letzten Tag hatte man die Maiden bei der Stellung zurückgehalten.

Als man sie entließ, kamen sie aus Richtung Ottersberg zurück, weil die Engländer Ottersberg-

Bahnhof schon besetzt hatten. Zum Teil haben die ,,Mädels" dann Zivilkleidung angezogen und

sind bei den Bauern im Ort untergekommen.

Am Nachmittag dieses Tages wurde es ruhiger im Dorf: Die Flakbatterie schoß nicht mehr,

wenig Beschuß auch durch die englische Artillerie. Die deutschen Soldaten hatten sich in

Richtung Lilienthal abgesetzt. Nur eine Nachhut, es sollen nach Berichten neun Mann gewe

sen sein, richtete an der Straße nach Ottersberg gegenüber dem Hause von Monsees - dem

ersten Quelkhorner Haus, wenn man von Ottersberg kommt - einen MG-Stand ein.

Gegen Abend kam dann aus Richtung Ottersberg englische Infanterie mit Panzerbegleitung bis

an die Dorfgrenze. Die einzige noch lebende Augenzeugin, Bertha Roselius, geborene Monsees,

damals 35 Jahre alt, berichtet, wie sie die Engländer kommen sah. Aus dem MG-Stand gegen-

über wurde plötzlich auf die herannahenden Engländer geschossen. Die MG-Schützen trafen

einen englischen Soldaten, den seine Kameraden bargen und auf einen Panzer legten. Darauf-

hin zog sich die englische Vorhut wieder zurück. Aus sicherem Abstand schossen die Englän-

der das Haus Monsees in Brand, eine in solchen Fällen durchaus übliche ,,Aktion": Stießen die

Alliierten beim Vormarsch in einer Ortschaft auf Widerstand, so wurde das erste Haus in Brand

gesetzt; das brennende Haus diente zugleich der Artillerie als ein Orientierungszeichen. So nun

auch in Quelkhorn: Es kam die ganze Nacht hindurch bis in die Morgenstunden zu einem

erneuten Beschuß des oberen Dorfes, der weiteren Sachschaden anrichtete.

Im Hause Monsees hatten sich Mutter und Tochter und ein Nachbarjunge beim Rückzug der

Engländer im Keller verkrochen. Als sie nun bemerkten, daß das Haus brannte, konnten sie

sich durch die Flammen hindurch ins Freie retten. Das Feuer zerstörte das Haus, vier Kühe,

zwei Rinder und das Pferd verbrannten. Die Schweine und ein Teil der vergrabenen Habe wur-

den später von den Engländern abgeholt, die Hühner von plündernden Polen. Übrig blieb

schließlich nur die Katze.

Die wenigen deutschen Soldaten zogen sich nun über Wilhelmshausen ganz zurück. In den

frühen Morgenstunden rückten dann unter dem Schutz von Panzern die Engländer in Quelk-

horn ein. Eine Panzersperre, die vom Volkssturm vor dem Hause Meyer errichtet worden war,

wurde auf Veranlassung von Müller Kramer nicht besetzt. Die Volkssturmmänner sollten nicht

in Zivil den Engländern Widerstand leisten, weil sie dann als Heckenschützen behandelt und

erschossen worden wären.

Es war Sonntag, der 29. April 1945.

Aus dem schützenden Keller gingen wir vorsichtig vor unser Haus, und in der Morgendäm-

merung sahen wir die endlos rollende Panzerkolonne auf der Landstraße und hörten das Ras-

seln der Ketten.

G. Meyboden schreibt dazu in ihrem Tagebuch:

Wir konnten uns nicht des Gefühls einer unsagbaren Erlösung und Befreiung erwehren -

Dank? überströmt - neben einem ebenso unsagbaren Schmerz über das Ende unseres in

Staub und Asche versunkenen Landes. Als ob man ein anderes Land betrete, stiegen wir

wieder ans Tageslicht aus den Schreckensnächten unseres Kellers. Die erste Gewißheit, das

Leben behalten zu haben, die zweite, daß es vorbei" ist. Vorbei - wie lange war es der

Inhalt der Gedanken, die ganze Sehnsucht. Zuerst einmal gab das ein freudiges Lebensge-

fühl, dem man sich gerne hingab. Daß es nicht rosig werden würde, wussten  wir.

 

 

Mit der Besetzung war das Dorf den Gesetzen eines besiegten Gebietes unterworfen: Für

Männer wurde in den ersten Tagen eine generelle Ausgangssperre verhängt; Frauen durften

morgens und nachmittags je eine Stunde das Haus verlassen, um Einkäufe zu machen. Das

Benutzen von Fahrrädern war untersagt. Viele Vorschriften müssen wohl durch Mundpropa-

ganda von Haus zu Haus gegangen sein, denn es gab keine Zeitung und keinen Strom und

somit auch nicht die Möglichkeit, Radio zu hören. Dagegen konnte Essen zubereitet werden,

denn jeder hatte in seiner Küche einen Kohleherd.

Aber im Dorf war noch nicht alles vorbei: Erst jetzt wurde der große Sachschaden in Quelk-

horn sichtbar. Fast alle Gebäude waren mehr oder weniger beschädigt - kaputte Scheiben und

Dachpfannen und Splitterschäden an den Hauswänden. Schlimm waren auch die P1ünderun-

gen der befreiten Fremdarbeiter, vorwiegend Russen und Polen. Trotz der schweren Schä-

den, die unser Dorf erlitt, war unter den Einwohnern Gott sei Dank kein Menschenleben zu

beklagen.

Es wird berichtet, daß über Jahre die Gemeinde Quelkhorn am Abend des 2t3. April eine Dank-

feier gehalten hat. Man gedachte der gnädigen Bewahrung unseres Ortes bei der Beschießung

in der Nacht vom 28. zum 29. April 1945.

Englische Truppen quartierten sich für einige Tage in den Häusern rechts und links der Land-

stral5e ein, überwiegend in Wilhelmshausen. Ein Großteil der Einwohner mußte dafür ihre

Häuser räumen und mit Sack und Pack Unterschlupf bei Nichtbetroffenen suchen, viele auch

in Fischerhude. Das Vieh durfte in den Stallungen verbleiben. Frische Milch und Eier stellten

dabei für die Engländer eine willkommene Aufbesserung ihrer Verpflegung dar. Natürlich kam

es auch zu P1ünderungen. ,,Wir gerieten in das wilde Treiben auf dem völlig ausgeplünderten

Hof des Bauern Bartels (Gieschen) - Scherben, Glas, zerstörtes Inventar und unter der Heu-

bodentreppe zurückgezogen der verängstigte Bauer und seine Frau." Es war nicht selten, daß

Doppelposten um Häuser, in Scheunen und Gärten Eisenstangen in das Erdreich stießen, um

nach vergrabenen Sachen zu suchen.

Auch auf unserem Grundstück näherten sich zwei Tommies mit Stahlhelmen, das Gewehr

über der Schulter, und fragten:,,Are you afraid that we are here?" (,,Habt ihr Angst vor uns?")

Wir Jungen aber verstanden das genaue Gegenteil (,,Seid ihr erfreut ( afraid ), daß wir hier

sind?") und antworteten den verdutzten Engländern lächelnd: ,,Yes! " Aber Angst hatten wir

Kinder nicht.

 

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